Wer im Frankfurter Hauptbahnhof zwischen Gleis 18 und 19 eine Treppe hinuntergeht, macht eine Reise ins analoge Zeitalter: Armaturen im 70er-Jahre-mintgrün erinnern an ein Leben ohne PC und Internet.

Statt auf einen Bildschirm zu starren, sitzt Veikko Bieselt vor einem riesigen Tastenfeld und hat sein altmodisch anmutendes Pult mit grün, weiß und rot leuchtenden Lämpchen fest im Blick. Von diesem fensterlosem Raum aus ist er Herr über den Verkehr im S-Bahntunnel: Ein Knopfdruck hier und Kilometer entfernt setzen sich Weichen in Bewegung und Signale springen auf grün.

„So langsam fehlen uns die Ersatzteile“

Das Spurplan-Drucktastenwerk, kurz SP DrS 60, stellt die Signale und Weichen von rund fünf Millionen Zugfahrten im Jahr. Zusammen mit einem weiteren Arbeitsplatz in der Kleyerstraße ist der unterirdische Raum seit 40 Jahren die Kommandozentrale, von dem aus der gesamte S-Bahnverkehr der Tunnelstammstrecke in Frankfurt gesteuert wird. Doch es wird Zeit für einen Wechsel in das digitale Zeitalter. “So langsam fehlen uns die Ersatzteile”, sagt Bieselt.

Diese sind auf dem freien Markt kaum mehr zu bekommen. Geht ein Teil der Steuerungstechnik kaputt, müssen die benötigten Teile und Module aus anderen, bereits stillgelegten Stellwerken eingebaut werden. Wartungspausen kann sich das Stellwerk nicht leisten: 34 Weichen und unzählige Signale steuert der Kontrollraum auf über 20 Gleiskilometern. Jede noch so kleine Verzögerung kann, weil bis auf die Züge der S7 alle S-Bahnen aus dem Rhein-Main-Gebiet durch den Tunnel fahren müssen, zu Verspätungen führen. Das heutige Verkehrsaufkommen ist ein weiterer Faktor, bei dem das alte Stellwerk zunehmend an seine Grenzen gerät.

Neue Epoche

Wenn die Tunnelbauarbeiten im Sommer 2018 abgeschlossen sind, steuert ein elektronisches Stellwerk (ESTW) künftig die Bahnen im Tunnel über Monitore und per Mausklick – genauso wie bei den oberirdisch gelegenen Weichen und Signale des Hauptbahnhofs.

160 Kilometer Kabel werden dafür neu verlegt, 154 Signale erneuert, 34 Weichenantriebe umgebaut sowie 150 Achszähler und 170 Prüfeinrichtungen zur Geschwindigkeitsüberwachung der Züge ausgetauscht. Dann ist der Frankfurter S-Bahntunnel wieder auf der Höhe der Zeit und im Stellwerk bricht 40 Jahre nach der Inbetriebnahme des Relaisstellwerks eine neue Epoche an.

Fit für die Zukunft

Ob Bieselt dem alten Stellwerk hinterhertrauert? „Natürlich gewöhnt man sich an sein Stellwerk. Klar ist aber auch, dass die digitale Technik die Abläufe erleichtert und dafür sorgt, dass auch in den nächsten Jahrzehnten bis zu 25 Züge pro Stunde 365 Tage im Jahr unfallfrei durch den Tunnel fahren“. Das neue elektronische Stellwerk  wird dann die Grundlage für einen zukunftsfähigen öffentlichen Personennahverkehr im Rhein-Main-Gebiet sein.

Bis es im Sommer soweit ist, sind weiter die Relais unter Gleis 18/19 das technische Herz des S-Bahntunnels. Es brummt und summt, elektronische Spannung liegt in der Luft.